EINE LETZTE, HARMLOSE GESCHICHTE ODER VON DER UNSCHULD
Wenn das Leben erfüllt ist, sich im Fluß befindet, vom Ursprung der Quellen bis in die Unendlichkeit der Meere, gibt es keine Geschichte.
Wenn das Leben sich ergießt, schenkt niemand den angesehenen Menschen eine überhöhte Bedeutung, noch wird jemand zum Fähigsten erkoren. Herrscherinnen sind einfach am Baum die höchsten Äste, und die Menschen sind das Hochwild, das im Wald, am Fluß, am See lebt.
Sie sind ehrlich und rechtschaffen, ohne sich darüber im klaren zu sein, daß sie
ihrer Pflicht genügen. Sie sind freiwillig fügsam und abhängig.
Sie lieben einander und wissen nicht, daß dies Liebe zum Nächsten ist.
Sie betrügen einander nicht und haben dennoch keine Kenntnis davon, daß sie vertrauenswürdige Menschen sind.
Man kann sich auf sie verlassen, uns sie wissen nicht, daß sie guten Glaubens sind.
Sie leben zwanglos zusammen im Geben und im Nehmen, und sie wissen nicht, daß sie freigiebig sind.
Dies sind die Gründe, warum es keine Erzählungen über ihre Taten gibt.
Sie machen keine Geschichte.
Joachim Nagele (1995)