WALDEFRIED PECHTL
Der Großmeister der Bioenergetischen Analyse liebt es, bei seinem großen Wissen enorm zu vereinfachen, um das komplexe Geschehen in der Analyse begreifbar zu gestalten. Das Komplexe soll nicht verleugnet werden, aber analytisches Gedankengut benützen heißt, sich zu trauen, aus einem unbegreifbaren Angebot zuzugreifen und das Ergriffene genauer zu betrachten.
Zwischen Organismus und Organisation (1989)
Der theoretische Weg zu einem Verständnis unserer Wirklichkeit ist gepflastert mit Thesen, Normen, Dogmen, Urteilen und Ideologien, die Gültigkeit besitzen, aber wieder neu überdacht gehören, um nicht steril oder nur bestrafend zu sein. Unsere humanistische Psychologie sollte sich nicht in ein mechanistisches Konzept zwängen lassen, sondern sich trauen, eine Wissenschaft der Erfahrungen, der Fähigkeiten, des Wandels und der Entwicklungen zu werden. (...) Die Beschäftigung des Menschen mit sich selbst, mit der Wirklichkeit, die er in sich trägt, setzt unmittelbar beim größten Fähigkeits- und Entwicklungsreservoir an, nämlich dem jedem Menschen innewohnenden Potential, bewusster, autonomer, freier und sinnerfüllter zu leben. (...) Der Wert jeder Theorie ist es also hauptsächlich, Brücken zu schlagen, Verständnis zu erleichtern und Gemeinschaft zu bauen. (...) Ein Weg der Vernunft und der theoretischen Erkenntnis braucht als Fundament den Weg des Herzens, ansonsten ist es günstiger, weg vom Weg zu kommen.
Klar gegliedert kann der Leser sich Anregungen holen von der Theorie bis zur Technik. Zwischen den Zeilen bewegt er sich auf die Organisation hin, die er nur nebenbei begreift, wenn er sich als Organismus zum Vermittler macht. Vielleicht ist es ein Lesebuch zur Muse, zur Lebenskunst, zur Kunst, um natürlich zu gedeihen. In logischen Gesetzmäßigkeiten, paradoxen Ausflügen und schattenhaften Reflexionen kann er, der ganzheitliche Leser, sich anreichern, ansprechen lassen, Verbindungen finden, bis er unruhig wird, um bei sich mit der Lebensgestaltung anzufangen. Für Führungskräfte und Berater lohnt es sich, langsam zu lesen, die anderen werden sich gerne Zeit lassen. Der Autor, ein erfahrener Management-Trainer, stellt in diesem Buch das Wechselspiel der natürlichen Kräfte dar, die sowohl in Einzelpersonen wie auch in Organisationen am Werk sind. Ausgehend von der Beschäftigung mit den Grundbedürfnissen des Menschen, werden Modelle für das Zusammenleben in Organisationen entwickelt. Der Themenbogen reicht von den grundlegenden Erkenntnissen der Organisationspsychologie über Fragen des zielorientierten Denkens bis zu konkreten Veränderungsstrategien.
Die Statue
Irgendwann einmal huschte ein Lächeln über das im Schatten liegende, steinerne Gesicht.Die verwelkte Blume vor der Statue verlor für einen Augenblick die Traurigkeit und blühte wieder.
Ein Vogel in der Nähe hörte auf, sich das Gefieder zu putzen, und ließ mit seinem Gesang die abendliche Stimmung wehmütig und fröhlich werden.
Irgendwann einmal wird sie herabsteigen, wenn die Menschen ihr Lächeln wiedergefunden haben.
Am Abend saß er am Feuer und ließ sich von der Dunkelheit umgeben, als er sich der zweiten Geschichte besann:
Der Horizont war dunkelrot, und die Hügelketten zogen wie Wellen durch in die kommende Nacht. Viele Geister umtanzten ihn und narrten ihn mit ihren verschiedenen Formen der Erscheinung. Müde von seiner langen Wanderung und der Vielfalt der Verführungen tauchte aus seinem Innersten das Lächeln einer Frau auf, die zauberhaft die Geister verscheuchte, - sich zu ihm neigte und nur "endlich" sagte. Mit diesem Wort und Versprechen, eingehüllt im Ruhegewand der Nacht, schlief er ein, - mit eben diesem Lächeln auf dem Mund. Die schönen Träume wird er eines Tages nur dieser Frau erzählen.
Geschichten des Lächelns (1994)
Der Zaun
Ich schlenderte dahin und fand auf meinem Weg wieder diesen Zaun. Weit und breit keine Öffnung, kein Durchkommen. Abweisend und drohend in seiner Bauweise.Vor vielen Jahren sah ich ihn das erste Mal. Damals wollte ich ihn noch übersteigen, überwinden und blickte hinüber.
Eine zauberhafte Wiese mit wunderschönen Blumen breitete sich vor mir aus. Blaue Veilchen stimmten meine Seele auf die Natur ein. Rote Rosen öffneten hingebungsvoll mein Herz. Bunte Orchideen erfüllten mein Wesen mit erregender Freude.
Fassungslos wollte und konnte ich den Anblick nicht ertragen. Unvorbereitet traf mich die Wucht einer Ganzheit und Vollkommenheit, der ich noch nicht gewachsen war. Mein Blick senkte sich, und wie einen rettenden Strohhalm fand mein Aufgewühltsein den Zaun.
Zitternd hielt ich mich fest,
lehnte mich an. Ohne die Grenze zu überschreiten wurde ich ihr bester Liebhaber, um vergessen zu können.
Grenzenlos fand ich Grenzen; wo keine waren, schuf ich sie. Mein Lebensinhalt war der Zaun geworden. Mit jedem und allen sprach ich über ihn, verklärte ihn, machte ihn unüberwindbar und vergaß mit der Zeit die jenseitige Welt.
Ich war älter geworden, meine Augen waren müde vom Ausschauhalten nach Grenzen. Meine Lebensaufgabe war der Halt am Zaun.
Ich war zufrieden, aber friedlos. Ich war freundlich, ohne Freude zu empfinden. Ich war tüchtig, aber verschlossen.
Ein Schmetterling flatterte den Zaun entlang. Mein Blick folgte seinem tanzenden Flug, verlor sich in der Leichtigkeit seiner Bewegungen. Wie von einem Windstoß getroffen, überquerte er plötzlich den Zaun.
Unverhofft sehe ich wieder die Wiese jenseits des Zaunes. Ich sehe bewußt eine Welt, meine Welt voller Blumen, Farben und Gefühle,
die ich vergessen glaubte, die aber wahr waren wie ich selbst.
Ich spürte ein Sehnen, ein Hingezogen-Sein zum unerreichbar Scheinenden.
Langsam richte ich mich auf und wage das Unmögliche.
Ich gehe durch den Zaun, höre hinter mir die Ketten meiner Vorstellungen und Einbildungen fallen.