GROUNDING

Johannes Rastbichler, Referat bei den Klinischen Tagen im Juni 2004

Ich möchte vorausschicken, dass ich keinen wissenschaftlichen Überblick über den gängigen Gebrauch des Begriffs Grounding in der Psychotherapie bieten werde und auch nicht kann, weil ich zum Thema keine Bücher gelesen habe, da ich mir in der Sache noch nicht sicher genug bin, um mein persönliches Verständnis einem unwägbaren Einfluss auszusetzen. Ich versuche hier nur meine Überlegungen zum Thema Grounding darzustellen, gleichsam meine Ortsbestimmung in dieser Begriffslandschaft. In Cassel’s German & English dictionary findet sich nach der Substantialform, zu der ich später kommen werde, unter der Verbalform ground: 1. auf den Boden stellen oder setzen, 2. hinlegen, niederlegen, 3. stranden lassen, 4. grundieren, 5. erden, 6. gründen, begründen; als Phrase wird angeführt to be well grounded, gute Vorkenntnisse haben, to be grounded in gegründet sein auf, wurzeln in. Grammatikalisch ist grounding aktive progressive form, bezeichnet also den gegenwärtig andauernden Zustand einer Tätigkeit. Die für uns relevanten Bedeutungen möchte ich hier auf die von erdend, gründend, wurzelnd beschränken.

Grounding in der körperorientierten Psychotherapie verstehe ich von der Mehrdeutigkeit von (physischem) Grund, Boden und im weiteren Sinn (rationaler, vernunftmäßiger) Grundlage, Begründung, Basis, Fundament her: mit beiden Beinen (energetisch leitend) auf der Erde stehen, einen guten Stand (und auch Standpunkt) haben, auf dem Boden der Realität, der Wirklichkeit stehen, in gutem Kontakt mit Boden, eigenem Grund, Wirklichkeit sein. Die negative Annäherung wäre für mich: nicht abgehoben sein, nicht in der Luft, in den Lüften schweben, nicht kontaktlos, grundlos sein, etc. Die mitschwingende energetisch akzentuierte Komponente hat ihre Berechtigung, denn der moderne Gebrauch des Begriffs Grounding/Erdung stammt aus der Physik, womit die elektrische Verbindung stromführender Leiter mit der Erde bezeichnet wird, die verwendet wird bei Blitzableitung und Personen-Schutz. Bekanntlich führt aber ein derartiges Grounding fast immer zum Tod.

Die in der Psychotherapie herrschende energetische Verwendung des Begriffs stammt meiner Ansicht nach aus dem fernöstlichen, im Besonderen aus dem klassischen chinesischen Denken mit seinem Streben nach Harmonie, das zur Idee des Einklangs von Mensch und All führte, bei Lao Tse ausgeprägt als Idee des Einklangs von Mensch und Natur. Die Chakren-Lehre des Hinduismus bzw. überhaupt sein Energie- und Naturverständnis bilden ebenso einen wahrscheinlichen Hintergrund.

Historisch lässt sich dies am aufkommenden Interesse an fernöstlicher Weisheit seit der Aufklärung, besonders in der Romantik belegen (Goethes Westöstlicher Diwan, Schopenhauer, Nietzsche etc.) Das heißt, zum Bildungsgut von z.B. Freuds Generation gehörte auch die Hochschätzung östlicher Weisheit. Die Protestgeneration der 60er Jahre (z.B. Kammerer-Pinck, Frank, Kufner, Pechtl, u.a.) zeichnete sich durch ein besonderes Interesse an Buddhismus und indischer Religion überhaupt aus.

Ein anderes historisches Indiz für diesen energetischen Aspekt in der Therapie wäre der am Bodensee wirkende Franz Anton Mesmer (1734-1815), der Begründer der nach ihm benannten Lehre vom animalen Magnetismus. Dies sei, ich zitiere aus dem Brockhaus, „ein den Organismus belebendes , das in Verbindung mit einem den Kosmos durchdringenden Weltäther stehe“. Am anderen Ende dieses Gedankenganges steht der späte Wilhelm Reich mit der Theorie vom ‚Orgon’.

Exkurs zur Wissenschaftlichkeit:

Die heutige Verwendung der Begriffe 'Energie' und 'energetisch' lässt die späte Geschichte Wilhelm Reichs noch tragischer erscheinen, als sie ohnehin schon war. Wofür er ins Gefängnis musste, das gehört heute überspitzt formuliert zum (auch therapeutischen) Alltag.

Nicht zuletzt dieser Gebrauch von Energie und energetisch in der Psychotherapie lässt sie aber nicht als konsequent um Wissenschaftlichkeit bemüht erscheinen. Wie immer man auch dazusteht, ob man dies überhaupt sollte, und unabhängig von der Polarisierung, ob die Psychotherapie eine Wissenschaft oder eine subjektive Intuition sei, gilt es jedenfalls, sich über die eigene Begrifflichkeit Rechenschaft geben zu können und es auch zu tun, denn eine andere Möglichkeit sehe ich nicht, wenigstens prinzipiell dem Kriterium intersubjektiver Falsifizierbarkeit zu genügen. Es muss zumindest theoretisch möglich sein, über Wahrheit oder Falschheit einer Hypothese entscheiden zu können. In dem Augenblick, wo man Begriffen eine Existenzform substituiert, über die man nur sich selber schlüssig Auskunft geben kann, verlässt man auch den minimalsten Bereich von Wissenschaftlichkeit im Sinne von nachdenkbarer und/oder nachvollziehbarer systematischer Tätigkeit.

Ende des Exkurses!

Es gibt aber auch eine interessante Verbindung mit der abendländischen Sprach- und Philosophiegeschichte über das Wort ‚Grund’ selbst, die ich dem Historischen Wörterbuch der Philosophie entnommen habe.

Die Etymologie (nebenbei ein kurioses Wort: von έτυμος wahr, wirklich; wörtlich die wahre Rede, also das, was das Wort in Wahrheit bedeutet), die sprachgeschichtliche Ableitung von ground/Grund weist auf das gemeingermanische Wort „grunt“ hin (wegen dieser Qualifizierung erlaube ich mir, das Folgende auch auf das englische zu beziehen). Dieses Wort „grunt“ tauchte, ausgehend von den auch außerdeutsch bezeugten zwei Bedeutungssträngen ‚Tiefe’ und ‚Ende’, im Mittelhochdeutschen unter folgenden Bedeutungen auf:

  1. unterste Fläche eines Körpers oder Raumes (Grund des Wassers, Fundament)
  2. Tiefe, Ab-Grund
  3. Ursprung (Wurzel, Quelle) und
  4. das Innerste, Tiefste, Eigentliche einer Sache.

„Der Ausdruck der Tiefe und Innerlichkeit bleibt auch bei der Weiterentwicklung des Begriffs in der deutschen Mystik des 14. und 15. Jh., in welche die Vielfalt der Bedeutungen eingeht, als wesentliches Merkmal erhalten. 'Grund' wird synonym für 'Geist', 'Seele', 'Wesen' und im eigentlich mystischen Sinn, als Metapher für Gott (Gottes-Grund, unergründliches Wesen Gottes) und das höchste Seelenvermögen (Seelen-Grund) gebraucht.

Die Entwicklung zum spezifisch mystischen Terminus 'grunt der sêle' erfolgt durch die Verbindung von 'herz' und 'G.' in der höfischen Literatur, zuerst belegt beim vermutlich aus Tirol stammenden Walther von der Vogelweide: « Die nicht geriuwent zaller stunt hin abe unz ûf des herzen grunt » (aus „Der Leich“ 1213/15, nachzulesen unter http://www.fh-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/13Jh/Walther/wal_ge15.html) In 'herzen grunt' ist – durch die Einbeziehung in den geistig-seelischen Bereich – die Verbindung zum mystischen 'grunt der sêle' hergestellt, jedoch unterscheiden sich die beiden Termini insofern, als 'herzen grunt' das Gefühlsmäßige betont und das Innere der Seele allgemein bezeichnet, während 'grunt der sêle' das « Geistige im Wesen des Menschen » meint und letztlich, im mystischen Sinn, den Bereich der Seele, in dem sich die Vereinigung Gottes mit dem Menschen vollzieht.“ (HWdPh, Bd. 3, Sp. 902 f.) Grounding bekäme von daher die historisch legitimierte Bedeutung von auf das Innerste der Person bezogen sein, in Verbindung mit ihrem Innersten sein, auf ihren Urgrund gründen, wie auch immer und ob überhaupt man diesen Urgrund denkt. Der Begriff umfasst so Reales und Ideales, Sichtbares und (nur) (eingebildet, im Sinne von: ich habe mir ein Bild gemacht) Spürbares in der Spannung des Aufeinanderbezogenseins in der einen Person. Ihr sichtbares Stehen auf dem realen Boden im geläufigen Setting ist ein starkes Argument, besonders wenn die Künstlichkeit der Situation des direkt Beobachtetwerdens mitbedacht wird. Aber erst in der Zusammenschau mit dem nicht Sichtbaren, dem aus der Anamnese und dem subjektiven intuitiven Eindruck der Person sich ergebenden Gesamtbild kann sich erschließen, was mit Grounding gemeint wird. Grounding als Verbindung mit der eigenen Energie, der eigenen Wirklichkeit, die sich aus dem ergibt, was ich selber bewirkt habe und noch immer wirke, und dem, was aus und mit mir und um und für mich bewirkt worden ist und noch immer bewirkt wird. Das Ineinander von Eigenleistung und Fremdleistung in der Entwicklung der Persönlichkeit, das Verstricktsein in die vielen Geschichten oder Dramen, die selbst inszenierten und solche, wo man Haupt- oder Neben-Rollen spielt oder gar nur Statist ist, die sich zur je eigenen Geschichte kumulieren. Hier kommt deutlich die Semantik der grammatikalischen Form von Grounding zum Ausdruck. Es soll etwas zum Ausdruck kommen, was in der Vergangenheit begonnen hat und noch immer am Werk ist. Das Hineinreichen der noch offenen Vergangenheit in eine offene Zukunft, das ist Geschichte, auch die der Einzelnen, begriffen als offener Prozess. Zu diesem historischen Aspekt von Grounding als Verbundenheit mit der je eigenen Geschichte eine Randbemerkung: In der modernen Geschichtswissenschaft gibt es den Begriff und auch die Methode der sogenannten „oral history“, das heißt, man hat sich endlich, um nicht zu sagen zwangsläufig, herabgelassen, auch mündliche Quellen als solche anzuerkennen und zu benutzen. Hier kommt eigenartigerweise kaum jemand auf die Idee, ein solches Vorgehen als unwissenschaftlich zu bezeichnen, obwohl es einige bedeutsame Kritikpunkte gäbe. Die von mir evozierte, manchen vielleicht exotisch oder überzogen erscheinende Parallelisierung von Psychotherapie und Geschichtswissenschaft möchte ich damit erklären, dass es in beiden Disziplinen um Quellen und den redlichen Umgang mit ihnen in ihrer Interpretation geht, wobei Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit eine besondere Rolle spielen. Es ist meiner Meinung nach überhaupt eine der impliziten Voraussetzungen psychotherapeutischer Arbeit, dass die Vergangenheit nicht als abgeschlossen betrachtet wird, sondern als noch immer veränderbar, und sei es auch nur und zumindest in ihrem Hineinreichen und Übergreifen (oder sollte ich sagen, Übergriffigsein) in Gegenwart und Zukunft, also in ihren Auswirkungen. Wirklichkeit kommt von wirken, Werk, vom griechischen το έργον, Tat, Arbeit, dann das durch die Tat/Arbeit vollbrachte Werk (ursprünglich mit Digamma geschrieben, also wergon ausgesprochen). ενέργεια Energeia (wörtlich im Werk oder Werken sein) und δύναμις Dynamis bei Aristoteles, actus und potentia in der scholastischen Philosophie sind die Aufbaufaktoren des Endlichen, die sein Werden erklären. Energeia ist das in der Dynamis als Möglichkeit gegebene tatsächlich Verwirklichte. Worauf ich hier das Augenmerk legen möchte, ist diese bis hin zum Zerreißen spannende Verbindung der Tatsächlichkeit mit der auf ihre Realisierung hindrängenden oder eben auch diese verweigernden Möglichkeit. Die menschliche Person als Spannungsgeschehen von Möglichkeit und Wirklichkeit, ein dialektisches und damit offenes Verhältnis in ihr selbst, nämlich als Identität und Differenz. Einer meiner Lehrer tat den Spruch: „Der Mensch ist wesentlich die Differenz zu sich selbst.“ Signifikant oder metaphorisch, im Grounding kann dies zum Bewusstsein, zumindest zum Spürbewusstsein kommen. Im Grounding loten wir den Grund unserer Möglichkeiten aus.

Tagung 2007 - Arbeit am Rückgrat