Die Atmung als Vermittler

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In der Bioenergetischen Analyse gehen wir davon aus, dass Körper, Seele und Geist eine Einheit bilden und sich gegenseitig beeinflussen. Die Atmung ist in diesem Zusammenspiel der ‚Vermittler‘. Einerseits bestimmen Gedanken und Gefühle unsere Atmung und andererseits wirken sich veränderte Atemmuster auf die geistigen Prozesse und unsere Gemütslage aus. Wenn wir nach Alexander Lowen von der „Therapie der Seele durch die Arbeit mit dem Körper“ sprechen, so spielt die Atemarbeit eine wesentliche Rolle.

Für jede Bewegung, jedes Gefühl, jeden stimmlichen Ausdruck und jede geistige Verfassung gibt es ein entsprechendes Atemmuster, welches dem Körper unbewusst die gerade notwendige Energie zur Verfügung stellt. Wollen wir den spontanen Ausdruck unserer Gefühle zurückhalten, weil wir ihn für unakzeptabel halten oder negative Reaktionen befürchten, so können wir aber auch bewusst unsere Atmung kontrollieren und verändern. Diese für ein soziales Miteinander durchaus sinnvolle Fähigkeit kann allerdings zu einer chronischen Atemhemmung führen. Werden wir aufgrund unserer natürlichen Verhaltensmuster und spontanen Gefühle schon in der Kindheit immer wieder bestraft und zurückgewiesen, so ist eine chronische, oft unbewusste Drosselung des Atemflusses sehr wahrscheinlich. Mit einer z.B. flachen, schnellen Atmung reduzieren wir aber auch die uns zur Verfügung stehende Energie. Will man diese Entwicklung wieder umkehren und den Energiespiegel heben, so reicht eine vertiefte Atmung allein nicht aus. „Die Wege zum Selbst-Ausdruck durch Bewegung, Stimme und Augen müssen erst mal erschlossen werden, damit mehr Energie entladen werden kann.“1

Es gilt die Regel, dass man nur so viel Energie aufnimmt, wie man entladen kann. Die Fähigkeit zu freiem, situationsadäquatem Selbst-Ausdruck ist daher von zentraler Bedeutung. Atemarbeit beinhaltet in der Bioenergetischen Analyse somit mehrere Faktoren:

  • Bewusstmachung bestehender Atemgewohnheiten
  • Vertiefung der Atmung durch Arbeit an den chronischen Verspannungen der Atemmuskulatur. So kann eine Erweiterung der Atemräume erzielt werden.
  • Förderung einer physiologischen Atmung, wobei der Fokus je nach Atemmuster auf der Einatmung oder Ausatmung liegen kann.
  • Grounding, damit die Vermehrung des Energieniveaus auch durchgestanden werden kann und nicht in Form von Nervosität und Angstgefühlen negativ erlebt wird.
  • Arbeit am Selbstausdruck

Der Atem ist zudem eng verwoben mit dem muskulären Spannungszustand eines Menschen.2 Eine Vollatmung kann z.B. nur bei einer guten Grundspannung erfolgen. Wir befinden uns dann gleichsam in einer Bereitschaftshaltung, in einer Haltung gelassener Wachheit, die von einer Vollatmung begleitet wird. Wer zurückfindet zu diesem natürlichen Atemrhythmus, lebt entspannter, vitaler und gesünder.
– Maga. Renate Schwenk

1 Alexander Lowen: Bio-Energetik. Reinbek bei Hamburg 1991.
2 Markus Fußer: Die Atembewegung. In: Handbuch der Körperpsychotherapie, hrsg. von Marlock, G., Weiss, H. Stuttgart 2006.

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