Die Gesichter von Aggression aus der Perspektive der Bioenergetischen Analyse

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Gehemmter Ausdruck von Aggression kann gesundheitsschädigende Auswirkungen wie Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Schlaganfall haben. Neurobiologisch bleiben dabei speziell die Angst- und Stresszentren geladen, was zu Angststörungen oder depressiven Erkrankungen führen kann. Allerdings ist Aggression, die ihre kommunikative Funktion verloren hat, destruktiv und geht häufig mit Gewalthandlungen einher. Die Hintergründe dafür sind multikausal: unsichere Bindungen, Gewalterfahrungen, Deprivation, Demütigung, Exklusion, soziales Umfeld, neurobiologische Deformationen oder der Hormon- und Botenstoffhaushalt. Für die bioenergetisch-analytische Arbeit ist es von großer Bedeutung, die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Aggression bewusst zu machen und den KlientInnen einen adäquaten Ausdruck zu ermöglichen.

Ausgangspunkt für die bioenergetisch-analytische Arbeit sind körperlich beschreibbare und erlebbare Phänomene: Aggression – etymologisch in der Bedeutung von ‚Heranschreiten‘, ‚sich Nähern‘, aber auch ‚Angreifen‘ – bietet ein breites Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten. Häufig werden jedoch die Begriffe Aggression und Gewalt synonym verwendet, was zu einer Reduktion des Potenzials führt.

Joachim Bauer führt Gewalt als reaktives Verhaltensmuster auf Zurückweisung, Demütigung und Ausgrenzung zurück. Er spricht von einer individuellen Schmerzgrenze, die physisch aber auch psychisch überschritten wird. Im ACC (Anterioren Cingulären Cortex) hinterlassen solche Erfahrungen einen ‚Fingerabdruck‘. Diese Erkenntnisse haben eine enorme Auswirkung auf das Verständnis von Gewalt und sind in unserer Geschichte begründet. Das Überleben unserer Vorfahren war abhängig vom sozialen Zusammenhalt, dem Kooperationsverhalten und dem Zuwachs an Intelligenz. Anthropologische Studien zeigen, dass ein Ausschluss aus einer Gruppe das Todesurteil bedeutet hat. Soziale Ausgrenzung gleichwohl wie körperliche Versehrtheit waren alarmierende Gefährdungen. Kooperation, das Erlangen von Vertrauen und Zugehörigkeit waren notwendig, um Überleben zu sichern. Darüber hinaus aktivieren Vertrauen, soziale Akzeptanz und zwischenmenschliche Unterstützung die Motivationssysteme. Die dort ausgeschütteten Botenstoffe versorgen den Körper nicht nur mit Energie, Vitalität und Lebenslust, sie haben auch schmerzlindernde Wirkung und schützen die Gesundheit. Joachim Bauer spricht von einem Aggressionsapparat, der im Dienste des Motivationssystems steht und aktiv wird, wenn angepeilte Triebziele (Nahrung, Bewegungsfreiheit, Bindung und soziale Akzeptanz) gefährdet sind oder gefährdet erscheinen.

Aggression hat, wenn wir den charakterstrukturellen Beschreibungen der Bioenergetischen Analyse folgen, viele Gesichter: kraftvolle Positionierung, Konfliktfähigkeit, Verachtung, Überheblichkeit, Ignoranz, passive Verweigerung, Gewalttätigkeit, Vernichtung bzw. auch Exklusion. Es ist nicht besonders populär, Ärger, Wut oder Zorn spontan auszudrücken, denn es ruft unter Umständen Ängste und Ärger hervor, ist unbequem und negativ konnotiert. So kann man beispielsweise den Eindruck erwecken, sich weniger im Griff zu haben, fordernd oder forsch zu sein. Oft fehlt nicht nur die Bereitschaft, sich dem auszusetzen, sondern auch die Fähigkeit, Aggression angemessen zu kommunizieren. Manchmal ist aber auch das Bewusstsein gar nicht vorhanden, dass man gerade von aggressiven Gefühlen durchflutet wird, was dann dazu führt, dass sie auf wenig eindeutige Art und Weise – entsprechend den eigenen charakterstrukturellen Mustern – ausagiert oder auf andere Personen projiziert werden. In der bioenergetisch-analytischen Arbeit wird daher Wert auf das Erkennen eigener Aggressionsmuster gelegt und auf die Entwicklung der Fähigkeit, sie in einer geeigneten, gesunden und gewaltfreien Form auszudrücken. Seitens der TherapeutInnen und BeraterInnen ist ein hoher Grad an Bewusstheit über den eigenen Umgang mit Aggressionen unverzichtbare Voraussetzung, um für KlientInnen resp. PatientInnen unterstützend sein zu können.

Mag.a (FH) Gudrun Treibenreif

Literatur:
Bauer, Joachim: Schmerzgrenze – Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. Wilhelm Heyne Verlag. München 2011
Kastner, Heidi: Wut. Plädoyer für ein verpöntes Gefühl. Kremayr & Scheriau, Wien 2014
Foto: inkje / photocase.de