Gesundheitsbewusstes Führen

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„Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts“ (Schopenhauer)

‚Gesundes Führen‘ ist in aller Munde. Die Folgen von Burnout-Entwicklungen und psychischen Erkrankungen machen den Unternehmen zu schaffen: Kompetente MitarbeiterInnen fallen lange Zeit aus oder verlassen aus gesundheitlichen Gründen das Unternehmen. Mit Hilfe der Bioenergetischen Analyse erforschen wir krafterhaltende bzw. erschöpfende Dynamiken bei Personen, Teams und Organisationen und entwickeln gemeinsam mit den AuftraggeberInnen Ansatzpunkte und Impulse zur Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung gesunden Arbeitens. Dabei wird in bewährter Weise viel Wert auf die Einbeziehung des Körpers gelegt.

Führungskräfte sind selbst im Spannungsfeld zwischen der Sorge um die eigene Gesundheit und der Sorge um die Gesundheit der Mitarbeitenden. Zeitdruck, Tempo- und Effizienzsteigerungen fordern ihren Tribut – die Arbeitszufriedenheit sinkt. Die Unternehmen reagieren mit Maßnahmen wie ‚Yoga in der Mittagspause‘, Rückenschule oder Vorträgen zu Stressmanagement und tragen damit zweifellos zu Bewusstseinsentwicklung und Prävention bei. Individuelle Gesundheitsziele und die Leistungsvorgaben des Unternehmens geraten jedoch immer mehr in Konflikt. Deshalb muss ‚Gesundes Führen‘, so es ernst gemeint ist, auch die Rahmenbedingungen der Leistungserbringung kritisch reflektieren und gegebenenfalls verändern.
Ein geeigneter Ansatz dazu ist das Konzept der Salutogenese von Aaron Antonovsky: Basis ist die Fragestellung, wie Menschen gesund bleiben, obwohl sie in ihrem Leben einer Vielzahl von Stressoren ausgesetzt sind. Antonovsky hat daraus das Konzept des Kohärenzgefühls entwickelt, das in einem andauernden, durchgängigen und dynamischen Gefühl des Vertrauens besteht, dass die eigene innere und äußere Welt vorhersagbar ist (Dimension der Verstehbarkeit). Das Individuum weiß, dass es selbst die geeigneten Ressourcen zur Bewältigung von schwierigen Situationen verfügbar hat (Handhabbarkeit) und empfindet das Leben emotional als sinnvoll (Bedeutsamkeit).
Im betrieblichen Kontext zeigt sich die Dimension der ‚Verstehbarkeit‘ vorwiegend in der Gestaltung der Kommunikationsprozesse: Entscheidungen, Strategien und Verhaltensweisen können eingeordnet werden. Mitarbeitende haben die nötige Information, um sich auf aktuelle und zukünftige Herausforderungen adäquat einstellen zu können, und die Strukturen unterstützen Kooperation, Beziehung und Dialog. Mit Hilfe der bioenergetischen Analyse können wir hier die Unmittelbarkeit der Erfahrungen bei körperbezogenen Dialogformen nutzen und besonders das emotionale Verstehen und ‚Begreifen‘ fördern sowie Ängste und Befürchtungen in wertschätzender Weise begreifbar und bearbeitbar machen.
Die Dimension der ‚Handhabbarkeit‘ zeigt sich in der Möglichkeit zu eigenverantwortlichem Handeln, der Weiterentwicklung von Vertrauen und Zutrauen, der Schaffung einer Fehler- und Konfliktkultur, die gemeinsames Lernen ermöglicht und fördert sowie in der gemeinsamen Reflexion von Erfahrungen, z.B. einer erfolgreichen Krisenbewältigung (Resilienz).
Die Dimension der ‚Bedeutsamkeit‘ wird spürbar in der Möglichkeit, Sinnstiftung im täglichen Tun zu erleben. Der Beitrag der Menschen zum Gemeinsamen und zum Unternehmenserfolg macht Sinn und ist etwas wert – erfahrbar in einer entsprechend entwickelten Feedbackkultur: Ich kann meine Aufgabe zu einer Herzensangelegenheit machen, werde gesehen, kann in der Arbeit meine Würde behalten und erlebe Konflikte und Krisen als sinnvoll, um neue Handlungsmöglichkeiten zu entdecken. Vorgesetzte und die Kollegenschaft unterstützen diese Prozesse.
Auf diese Weise kann die Erhaltung und Weiterentwicklung des ‚Kohärenzerlebens‘ auch im Arbeitsleben aktiv unterstützt werden – zum Nutzen für die Organisation und der in ihr beschäftigten Personen. Gemeinsam mit den individuellen Maßnahmen zur Erhaltung der Gesundheit (z.B. dem Praktizieren bioenergetisch analytischer Körperübungen), ermöglichen diese strukturellen Ansatzpunkte eine langfristige Ausrichtung auf Kraftförderung statt Erschöpfung. Deshalb ist ‚Gesundes Führen‘ keine neue Managementtheorie, sondern eine Haltung. So kann Gesundheitsentwicklung im Unternehmen als dynamisches Geschehen begriffen und praktiziert werden, und die Organisation kann gemeinsam mit den Mitarbeitenden im Bewusstsein eines bio-psycho-sozialen Gesundheitsmodells, das Körper, Seele und Soziales gleichermaßen berücksichtigt, den Prozess der Gesundheitsentwicklung bewusst steuern und vorantreiben.
– Dr. Carola Kaltenbach

Literatur:
Mathias Lohmer, u.a.: Gesundes Führen. Life-Balance versus Burnout im Unternehmen. Schattauer 2012
Aaron Antonovsky: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Dt. erw. hrsg. von Alexa Franke, Tübingen 1997
Janice Marturano: Mindful Leadership. Ein Weg zu achtsamer Führungskompetenz. Arbor 2015
Klaus Peters: Indirekte Steuerung und interessierte Selbstgefährdung. In: Nick Kratzer, u.a. : Arbeit und Gesundheit im Konflikt. Edition Sigma 2011

Foto: markusspiske/ Photocase