Körper in Organisationen

Als Prozessberater sind wir mit der Begleitung von Personen, Gruppen und Organisationen beschäftigt. Im Fokus unserer Tätigkeit stehen die Arbeitsbeziehungen der Menschen, die gerade einen paradigmenhaften Wandel durchleben. Um die Folgen dieser umfassenden Veränderungen einschätzen zu können ist es wert, die Auswirkungen der Leistungssteuerung in Organisationen transparent und besprechbar zu machen und sie aus einer bioenergetisch-analytischen Perspektive zu analysieren.

„In den Unternehmen setzen sich neue Organisations- und Steuerungsformen durch, deren zentrales Prinzip darin besteht, dass eine turbokapitalistische Wachstum- und Wettbewerbslogik zum internen Steuerungsprinzip gemacht wird. Die Maßlosigkeit des Marktes wird zum Maßstab ökonomischen Erfolgs, die Unternehmen überlasten sich – nolens volens – durch tendenziell unerreichbare Ziele selbst.“ 1

Folgt man der Thesen der Ökonomisierung, Entgrenzung und Individualisierung der (Arbeits-)Welt, sind Personen damit unter ständigem Druck bzw. in der permanenten Eigenverantwortung als ‚Unternehmer ihrer selbst‘ sich ändern, anpassen und optimieren zu müssen. 2 Der Sog dieser unternehmerischen Anrufung bezieht seine Kraft gerade daraus, dass keine Zielmarke existiert, bei der man haltmachen könnte. So wenig es ein Entkommen gibt, sowenig gibt es ein Ankommen. Die Überlastung wird zur Normalität.
Als Reaktion darauf entstehen einerseits viele Angebote für Einzelpersonen, die die Entwicklung der notwendigen Widerstandskraft (Resilienz) für die angekündigten ‚stürmischen Märkte von morgen‘ in Aussicht stellen. Die Verantwortung für den Erhalt der Gesundheit wird damit, unabhängig von den Bedingungen in den Organisationen, Einzelpersonen übertragen. Gebot der Stunde sei, „die sich auflösende gewohnte äußere Stabilität durch das Bemühen um innere Stabilität aufzufangen“.3 Andererseits versuchen Organisationen z.B. durch Coaching, Trainings zu Thema wie Stressmanagement, Burnout-Prävention, Work-Life-Balance oder weiter gefasste Projekte des betrieblichen Gesundheitsmanagements, den zunehmenden Druck auf die Beschäftigten abzufedern. Dabei besteht die eindeutige Tendenz, die menschlichen Körper in (gutgemeinten) organisationalen Weiterbildungsmaßnahmen ‚aufzurüsten‘: Personen sollen befähigt werden, mit druckvollen, belastenden Situation besser umgehen zu können, widerstandsfähiger bzw. stressresistenter zu werden. Wenig Beachtung findet dabei allerdings, was menschliche Körper auch und vor allem sind: Kommunizierende Gefäße, fühlende Körper, die auf Kontakt und Zugehörigkeit, Verbindung und Entwicklung ausgerichtet sind.

In der bioenergetisch-analytisch körperbezogenen Beratung wird dieser Realität Raum und Bedeutung gegeben. Sie orientiert sich nicht an dem herrschenden Rationalisierungs- und Optimierungsparadigma, das durch den Einsatz von Fremd- und Selbsttechniken die Körper der ‚flexiblen Menschen‘ fit und leistungsfähig gestalten soll. Sie ist auf Kontakt, Beziehung und Entwicklung ausgerichtet. Sie erkennt die Realität potentieller (Selbst-)Instrumentalisierungen an und stellt dieser eine bewusst eingesetzte Realität der Selbstermächtigung entgegen.

Ein wesentliches Ziel der bioenergetisch-analytischen Arbeit ist es, die Sensoren der Selbstwahrnehmung zu schärfen. Wir müssen lernen, die Wirkungen von Situationen auf uns deutlicher wahrzunehmen, Geistes- und Körpergegenwärtigkeit zu üben. In welche Haltung, in welchen psychophysischen Zustand bringt mich eine Arbeitssituation, eine bestimmte Teamsituation, eine Konfliktsituation, was geschieht mit meiner Atmung? Welche körperlichen, kognitiven und emotionalen Reaktionen kann ich bei mir feststellen? Je mehr sich Personen ihrer Situation bewusst sind, desto mehr Handlungsspielräume ergeben sich im Umgang damit.

Diese Herangehensweise ermöglicht es, neben den befriedigenden Kontakten auch die Wirkung unangenehmer Situationen wie Ohnmacht, Aggression, Verletzung oder Kränkung deutlicher zu spüren. Druck- und Stresssituationen sind in den meisten Fällen soziale Situationen, z.B. ein Konflikt mit Kollegen oder unklare Anforderungen. Um mit diesen Emotionen umzugehen und nicht alleine zu bleiben, braucht es die Vergemeinschaftung auf Gruppen(körper)ebene, um ein kollektives Bewusstsein herzustellen und einen ‚Container‘ dafür zu schaffen. Es braucht neben sinnvoller Maßnahmen zur Selbstregulation der Personen also auch Räume und Strukturen zur Selbstregulation der Gruppen und Teams in Organisationen. Sie dienen dem Austausch, dem Kontakt, der gemeinsamen Verarbeitung und damit der Entlastung. Sie schaffen Platz für die Austragung von Konflikten und sind Räume, in denen wir uns trotz und gerade wegen der Konkurrenzsituationen, in die wir zueinander gestellt sind, wechselseitige Bekräftigung, Bestätigung und Unterstützung durch kollegiales Feedback zukommen lassen.

– Mag. Dominik Pesendorfer
Foto: MarcoE / Quelle Photocase

Literatur
1 Kratzer, Nick et al. (Hg.) (2011), Arbeit und Gesundheit im Konflikt.   Analysen und Ansätze für ein partizipatives Gesundheitsmanagement, Berlin, edition sigma.

2 Heltzel, Rudolf. (2012), Gesellschaftlicher Wandel und die Folgen für die Beratung, in: Heltzel, Rudolf. et al. (Hg.), Im Dickicht der Organisation. Komplexe Beratungsaufträge verändern die Beraterrolle, Göttingen,