Organisationsdiagnose

Der Zweck, ein wesentliches Kennzeichen von Organisationen, sollte klar sein. Aber wie sieht es mit dem Wissen um die Organisationsmitglieder aus, mit ihrem Verhalten in der Organisation, damit, wie Gruppen in Organisationen interagieren, welche Grundlagen dafür existieren, welche Strukturen sowohl formell als auch informell vorhanden sind und wie sie etabliert wurden und stabil bleiben? Und – ist all das auch ökonomisch sinnvoll?

Alle genannten Aspekte und noch einige mehr, wie zum Beispiel dem Erleben der Organisationsmitglieder zugrunde liegende Werthaltungen, welche Regeln und Routinen wirksam sind, sind Gegenstand der Organisationsdiagnose. Durch das Bewusstmachen, Benennen und Erfassen genannter Faktoren wird eine Diagnose erst möglich. Und damit auch, basierend auf dieser Diagnose, das Festlegen einer überprüf- und beurteilbaren Intervention, deren Auswirkung(en) die Grundlage für eventuelle weitere Schritte, jedenfalls aber einer Einschätzung der neuen Situation, sein muss.

In der Bioenergetischen Analyse ist der Körper ein zentraler Ausgangspunkt in der Arbeit mit und der Beurteilung von Fähigkeiten und Einschränkungen von Personen. Das Charakterstrukturenmodell mit seinen klar definierten und überprüfbaren Eigenschaften der einzelnen Strukturen, sowohl am Körper als auch am Handeln und Nichthandeln der zu beschreibenden Person erkennbar, ist ein bekanntes und gern genutztes Instrumentarium zur Erstellung von Diagnosen.

Maria Majce-Egger beschreibt, wie dieses Modell auch zur Einschätzung von Gruppen angewandt werden kann. Gruppen haben einen (manchmal auch gemeinsamen) Rhythmus, ein Stressniveau, eine bestimmte Haltung zu ihren Aufgaben etc. Darauf basierend lassen sich diagnostische Aussagen zu Organisationen treffen. Für kleine Organisationen lässt sich das Konzept direkt übertragen. Auf der Basis des stattfindenden (Organisationsberatungs-) Prozesses sowie den Interaktionen zwischen den teilnehmenden bzw. abwesenden AkteurInnen und anderen beobachtbaren Fakten auf der Körperebene lassen sich Aussagen zur charakterstrukturellen Ausprägung des Gruppenkörpers machen.

Dieselben Wirkmechanismen kommen auch zwischen Gruppen, Teams und Organisationseinheiten zur Geltung. Das lässt Schlussfolgerungen auf den Organisationskörper mit seiner zu beobachtenden Organisations-Charakterstruktur zu. Das darf natürlich nicht die einzige diagnostische Information bleiben, stellt aber eine wichtige Grundlage für weitere diagnostische Einschätzungen dar, welche einerseits die Erstellung von Arbeitshypothesen erleichtert, andererseits im Zuge der laufenden Prozessdiagnose das ‚Was‘ und ‚Wie‘ im Umgang mit der Organisation verdeutlicht und strukturiert.
– Gerald Bacher

Literaturhinweise:
Maria Majce-Egger: Gruppenkonzepte – Grounding im sozialen Umfeld. In Vorträge DÖK-Tagung. DÖK, 2004.
Stefan Kühl: Organisationen – Eine sehr kurze Einführung. Wiesbaden 2011.
Christian Werner, Martin Elbe Hg: Handbuch Organisationsdiagnose. München 2013.
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