Übung macht den Meister? Der Stellenwert des Übens in der Bioenergetischen Analyse

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Die körperliche Übung stellt seit den Anfängen der Bioenergetischen Analyse ein hochwirksames ‚Begleitinstrument‘ körperbezogener Therapien und Beratungen dar. Alexander Lowen1 ist es zu verdanken, zentrale Übungen bzw. Übungsprinzipien der Bioenergetischen Analyse einem breiten Publikum zugänglich und auch außerhalb des therapeutischen Settings für KlientInnen und Interessierte nutzbar gemacht zu haben.

Der Einsatz von Körperübungen bzw. körperbezogenen Interventionen im therapeutischen Prozess dient im Wesentlichen der Verdeutlichung der Wechselwirkung von körperlichen und psychischen/emotionalen Prozessen. Die Bewusstmachung und Veränderung von körperlichen Abläufen wie Atmung, Motorik und von konflikt- und beziehungsorientierten Aspekten stehen dabei im Mittelpunkt. Unter Nutzung des unmittelbaren Ausdrucks und des spontanen Empfindens sollen verdrängte körperliche Erfahrungen aufgedeckt und deren Versprachlichung gefördert werden.
Das Üben abseits des therapeutischen Settings als nachhaltige, eigenständige, (lebens)begleitende Praxis, ist eine große Herausforderung, die anzunehmen, Sinn macht.
Worauf ist zu achten?
Zielsetzungen bzw. intendierte Wirkungen bioenergetischen Übens sind beispielsweise:

  • Förderung des Körperbewusstseins
  • Vertiefung der Atmung und Steigerung der Vitalität
  • Erhöhung des Vermögens, ein gewisses Energieniveau zu ‚halten‘
  • Entwicklung von ‚Grounding‘
  • Unterstützung beim Lösen von Verspannungen
  • Aktivierung eines ‚stimmigen‘ Ausdrucks von Gefühlen
  • Aufbau grenzsichernder, schützender körperlicher Strukturen

Zuallererst bedarf es eines Anstoßes, einer Idee, um in Bewegung zu kommen und mit dem Üben zu beginnen. Die Motive dafür können unterschiedlich sein. Oft entspringt der Wunsch zu üben, dem Empfinden eines Defizits, einem Gefühl des Nicht-Genügens, einem Druck, etwas verändern zu müssen. Dabei spielt auch die narzisstische Verführung medial kommunizierter (Körper)Bilder eine Rolle. Am mittlerweile unüberschaubaren Fortbildungsmarkt werden hauptsächlich körperbezogene ‚Selbsttechniken‘ angeboten; mit deren Hilfe kann und soll der änderungswillige Mensch auf sich selbst einwirken, um „aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer eine Reihe von Operationen an seinem Körper oder seiner Seele, seinem Denken, seinem Verhalten und seiner Existenzweise vorzunehmen, mit dem Ziel, sich so zu verändern, dass er einen gewissen Zustand des Glücks, der Reinheit, der Weisheit, der Vollkommenheit oder der Unsterblichkeit erlangt“2.

Die Motive sind letztlich jedoch weniger wichtig als die Fähigkeit, überhaupt einmal in Bewegung zu kommen. Waldefried Pechtl und Reinhold Dietrich unterscheiden in ihrem Buch „Energie durch Übungen“ zwischen dem ‚Üben‘ als zweck- und ziellose Wiederholung und dem ‚Trainieren‘, das auf ein Ziel gerichtet ist und eine bewusst gewählte Veränderungsstrategie darstellt.3 Diese Unterscheidung setzt einen hohen Maßstab, da sie bereits eine Haltung der Absichtslosigkeit voraussetzt, um ‚richtig‘ zu üben. Bei vielen KlientInnen kann jedoch genau die Vorstellung eines richtigen oder falschen Übens zu Blockaden und Abbrüchen bei der Übungspraxis führen.

Wie kann eine nachhaltige Integration des Übens in den Alltag gelingen?

  • Als TherapeutIn oder BeraterIn die eigene Übungspraxis kultivieren! Wer diesen Prozess mit all seinen damit verbundenen Illusionen, Wünschen, unbewussten Motiven und Widerständen nicht selbst immer wieder durchlebt, wird auch keine nachhaltige Wirkung bei der Weitergabe erzielen können.
  • Eine Form des ‚angeleiteten‘ Übens anbieten, das sowohl Grundprinzipien vermittelt als auch in regelmäßigen Abständen begleitet wird.
  • Auf Einfachheit und Wiederholbarkeit achten: weniger ist oft mehr.
  • Aufmerksamkeit auf eine die Bewegungsausführung und Atmung begleitende Wahrnehmung lenken.
  • Übungen, die dem Zweck der körperlichen Widerstandsarbeit dienen, erst nach und nach integrieren.
  • Zum Erkunden und Entwickeln individuell abgewandelter Übungen ermutigen, um die Abhängigkeit von TherapeutIn bzw. BeraterIn gering zu halten.

Bioenergetisches Üben orientiert sich nicht an dem herrschenden Rationalisierungs- und Optimierungsparadigma, dem zufolge die Körper der „flexiblen Menschen“4 fit und leistungsfähig gestaltet werden soll. Bioenergetisches Üben ist auf Kontakt, Beziehung und Entwicklung ausgerichtet. Es erkennt zwar die Realität potenzieller (Selbst-)Instrumentalisierungen an, stellt dieser aber eine bewusst eingesetzte Realität der Selbstermächtigung entgegen. „Freie Kräfte erzeugen spontan neue Strukturen“, lautet eine der zentralen Thesen von Waldefried Pechtl. Folgt man dieser, so besteht tatsächlich die Kunst darin, sich geduldig und absichtsvoll – absichtslos dem Prozess des Übens hinzugeben, ohne auf schnelle Ergebnisse abzuzielen. Es geht darum Entwicklung zu ermöglichen – ergebnisoffen!

– Mag. Dominik Pesendorfer

Literatur
1 Alexander Lowen und Leslie Lowen: Bioenergetik für jeden, München 1979
2 Michel Foucault: Technologien des Selbst, in: Foucault, M., Martin, R., Martin, L., Paden, W., Rothwell, K., Gutman, H. & Hutton, P. (Hg.), Technologien des Selbst, Frankfurt/M., S. 24–62., 1993
3 Reinhold Dietrich u. Waldefried Pechtl: Energie durch Übungen – Bioenergetik, Salzburg
4 Richard Sennett: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin 1998
Foto: stocksnapper / photocase.de