Angst: Potential oder Gefängnis – Therapieansätze aus bioenergetisch-analytischer Sicht

Angst

Wir Menschen haben ein Leben lang mit ihr zu tun, der Angst; 15-20% der österreichischen Bevölkerung sogar mit behandlungswerten Angsterkrankungen. Die Angst ist ein zentrales, körperlich starkes Gefühl und kann bedeutsamen Schutz, aber auch schreckliche Lähmung bewirken. Was müssen wir von ihr lernen, damit wir in der Begegnung mit ihr nicht erstarren, sondern wachsen können? Was kann speziell die Bioenergetische Analyse dazu beitragen, dass ein Verlassen der ‚Angstschleifen‘ möglich wird?

Dazu müssen wir zunächst verstehen, was bei Angst passiert. Stress steht am Beginn jeder Angstreaktion und aktiviert verschiedene Gehirnbereiche, Nervensysteme, Neurotransmitter, Hormone und Muskelgruppen. Das limbische System, unser emotionales Zentrum, ist dabei der bedeutendste Gehirnbereich. Hier brennen sich Ängste und Traumen mit ihren Auslösern, Gerüchen und sonstigen Assoziationen, unauslöschbar ein. Bei Angst ist das sympathische Nervensystem aktiviert und bereitet den Körper auf Kampf, Flucht oder Starre vor. Wird das Angstfeld nicht verlassen, dann bleiben Muskeln kontrahiert, die Atmung reduziert, die anhaltende Überproduktion des Stresshormons Cortisol schwächt das Immunsystem und das Denken ist eingeengt. Zu dem bedrohlichen, beklemmenden Gefühl und den körperlichen Sensationen gesellt sich eine kommunikative Komponente: Angst macht einsam.

Aus energetischer Sicht führt Angst zu einer Abwärtsbewegung im Rücken, so dass die Beine für die Flucht mit Energie aufgeladen werden. Ist die Gefahr unbekannt oder ist keine Flucht möglich, bleibt die Erregung im Nacken und Rücken hängen, die Schultern sind hochgezogen, die Augen weit aufgerissen und der Kopf ist zurückgenommen. Hinter jedem chronischen Gefühl von Angst und Hilflosigkeit steckt laut Alexander Lowen zurückgehaltene Wut. Kann die Wut nicht ausgedrückt werden, bleibt man wehrlos und ist auf Angst und Hilflosigkeit zurückgeworfen. Panik wird durch das Gefühl hervorgerufen, in der Falle zu sitzen. Hinter den damit einhergehenden Atemschwierigkeiten steckt ein unterdrückter Schrei. Bei Angst verkrampfen sich die Engstellen des Körpers und schaffen bei chronischer Anspannung die Prädisposition für neuerliche Angst.

Ängste sind ein Begleiter auf dem Weg zum Erwachsensein. Mit den ineinander greifenden Entwicklungsaufgaben korrespondieren spezifische Ängste wie z.B. Verlassenheits-, Verfolgungs-, Verlust-, Trennungs- und Gewissensängste, Angst vor Liebesverlust oder Verlust der körperlichen Integrität. Diese wirken unbewusst weiter, wenn die Entwicklungsaufgaben nicht konstruktiv bewältigt werden konnten und können in aktuellen Krisen durch unser Körpergedächtnis aktiviert werden.

Der Angstabwehr dienen Abwehrmechanismen, die sich der Bioenergetischen Analyse zufolge unterschiedlichen Charakterstrukturen zuordnen lassen. Sie haben den nachteiligen Effekt, dass gemeinsam mit der Angst auch vitale Impulse beschnitten werden und dass durch die Abwehr, die Furcht vor dem ‚Angriff‘ und damit die Voraussetzung für die Angst bestehen bleibt.

In der Begegnung und Behandlung von Angstzuständen ist die Bioenergetische Analyse durch ihren ganzheitlichen Ansatz in der Lage, dem komplexen Phänomen angemessen zu begegnen. Voraussetzung für diesen Prozess ist eine vertrauensvolle, haltgebende Beziehung. Dabei bleibt der Blick auf die Individualität des Einzelnen mit seinem genuinen Angst-Schicksal gerichtet, Ressourcen werden herausgearbeitet, definiert und genutzt. Durch die Verlässlichkeit des Körpergedächtnisses können Körpererinnerungen ermöglicht, neue Körpererfahrungen erlebt und ein adäquater Gefühlsausdruck geübt werden. Der Schmerz von damals muss noch einmal durchlebt werden, und durch das Zulassen von Sehnsucht und Trauer, Verzweiflung und Wut können auch wieder Freude, Lust und Liebe erlebt werden. Die Erfahrung, dass Angst verstanden und mitgetragen wird, das Erleben von Sicherheit, Verlässlichkeit, Halt und Wertschätzung im Hier und Jetzt des therapeutischen Kontaktes, lässt sie leichter annehmen, so dass die Angst vor der Angst reduziert wird. Nicht allein zu bleiben, ist entscheidend.

Darauf aufbauend werden Erweiterungen geübt: durch vertiefte Atmung, Grounding, Spannung und Entspannung, Vibrations-, Aggressions- und Fallübungen sowie Stresspositionen. Das Gehirn braucht bewegte Muskeln, um im Fühlen und Denken ins Gleichgewicht und in die Entwicklung zu kommen, statt in der Starre der Angst zu verharren. Gerade durch Muskelvibrationen können Blockaden gelöst und die Pulsation erhöht werden. Dadurch kommt die notwendige Kommunikation von Zentralem und Peripherem Nervensystem zustande. Auf diese Weise wird ein Gefühl der Sicherheit und Erdung  ermöglicht. Durch Entspannung geschieht ‚automatisch‘ Erdung; Erdung in Beziehung und im Körper reduziert wiederum Angst. In der Analyse wird das Erfahrene bewusst wahrgenommen, versprachlicht und im Damals und Heute gedeutet und integriert. Die Bioenergetische Analyse begegnet somit der Unbeweglichkeit mit Bewegung in Beziehung. Letztendlich geht es nicht um Freisein von Angst, sondern darum, einen weniger starren Umgang mit der Angst zu üben und dabei nicht allein zu sein.

Im Vorfeld bzw. parallel zur Bioenergetischen Analyse gilt es abzuklären, inwieweit eine Schilddrüsenfunktionsstörung oder Alkohol an der Angstentstehung beteiligt sind. Ebenso gilt es zu entscheiden, ob eine fachärztliche Einschätzung hinsichtlich einer medikamentösen Begleittherapie notwendig ist.

– Dipl. Theol. Barbara Heisig

 

Literatur

Bentzen, Marianne: Formen des Erlebens: Neurowissenschaft, Entwicklungspsychologie und somatische Charakterbildung. In: Handbuch Bioenergetische Analyse, hrsg von Vita Heinrich-Clauer. Gießen 2008, S.304-328.

Hüther, Gerald: Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden. Göttingen 2009.

Lowen, Alexander: Angst vor dem Leben. Über den Ursprung seelischen Leidens und den Weg zu einem reicheren Leben. München 1989.

Lowen, Alexander: Lust. Der Weg zum kreativen Leben. München 1989.

Steinmann, Hugo: Angst aus Bioenergetischer Sicht. In: Forum Bioenergetische Analyse Bd.1. Osnabrück 2011.

Thielen, Manfred: Körperpsychotherapie bei Angst. In: Psychotherapie – Wissenschaft, Bd 1, Heft 1. Zürich 2011.

Trautmann-Voigt, Sabine / Voigt, Bernd: Zur körperorientierten Psychotherapie bei Borderline-Patienten. In: Psychotherapie-Wissenschaft Bd 1, Heft 1. Zürich 2011.

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