Charakterstrukturelle Muster als Wirklichkeitskonstruktion

charakterstrukturen

In der Bioenergetischen Analyse ist das charakterstrukturelle Konzept von zentraler Bedeutung, wobei vor allem drei Aspekte zu berücksichtigen sind: Es handelt sich um eine Beschreibung von (einengenden, beschränkenden) Schutzmustern, aber auch von Ressourcen und Fähigkeiten; das Modell muss als Konstruktion der Wirklichkeit gesehen werden, ist somit hypothesenbildend und nicht fixierend zu verstehen. Dabei werden nicht nur körperlich beobachtbare Merkmale wie Haltung, (Ver-)Spannungen, Atmung und Energieniveau miteinbezogen, sondern auch Einstellungs-, Beziehungs- und Konfliktmuster, die mit der Lebensgeschichte verknüpft sind.

Der konstruktive Umgang mit der Körperlichkeit hat eine lange Tradition in der Bioenergetischen Analyse. Die Vertiefung der Körper- und Selbstwahrnehmung sowie die enge Verflochtenheit von Körper, Emotion und Reflexion (Versprachlichung) stehen im Zentrum eines erfolgreichen therapeutischen bzw. beratenden Prozesses. Der charakterstrukturelle Ansatz ist dabei eine wichtige und hilfreiche Perspektive, die den roten Faden im Prozess darstellt. Wird das Modell als mögliche Konstruktion von Wirklichkeit angesehen und nicht als die Wirklichkeit selbst, hilft es, blinden Flecken in der Seelenlandschaft auf die Spur zu kommen und zu entdecken, wie geschickt Überlebensmuster in den Denkweisen konstruiert werden, um die eigene Wirklichkeit konsequent vor Veränderung zu schützten. So kommt es zur steten Wiederholung von zum Teil sehr leidvollen Erfahrungen, wie z.B. Beziehungsverlusten. Da sich auf diese Weise zentrale Konfliktbereiche in einer Lebensgeschichte relativ schnell erfassen lassen, fühlen sich KlientInnen oftmals zu einem recht frühen Zeitpunkt des Thearpie- bzw. Beratungsprozesses überraschend gut verstanden.

Alexander Lowen hat fünf Charakterstrukturen unterschieden und sie mit defizitorientierten Namen belegt (schizoid, oral, masochistisch, psychopathisch und rigid). In einem Ressourcen fokussierenden Verständnis können diese Muster auch als denk-, bedürfnis-, belastungs-, kontroll- und leistungsorientiert bezeichnet werden. Das orale/bedürfnisorientierte Muster wird z.B. beschrieben als aufnehmende Struktur, die jedoch die Energie, Nahrung und Zuwendung nicht behalten kann. Sie verliert schnell die Kraft, geht von einer ‚Tankstelle‘ zur nächsten und kann nie genug bekommen. Sie ist aber auch verspielt, sprachlich gewandt, kann andere zum Helfen motivieren, sich gut versorgen lassen usw. Für jemanden, der z.B. immer alles alleine machen muss, sich stets emotional selbst versorgt und scheinbar niemanden braucht, kann es eine wesentliche Erweiterung sein, diese Fähigkeiten des oralen Musters zu entwickeln.

Ziel der bioenergetisch-analytischen Arbeit ist es, die Fähigkeiten und Ressourcen aus anderen charakterstrukturellen Mustern nutzbar zu machen. Es soll nicht das alte Muster ‚ausgelöscht‘ werden, sondern Erweiterung stattfinden durch das Erlernen bzw. Vertraut-Werden mit den noch nicht gewohnten Optionen. Der Übergang von Überlebensmustern („Ich kann noch nicht anders, ich muss es wie immer so tun!“) hin zu neuen Lebens-Mustern im Sinne von variabler Gestaltung des eigenen Lebens („Ich kann so wie immer oder auch anders (re)agieren!“) ist eine spannende und sensible Phase im Verlauf einer Therapie bzw. Beratung.

Da sich charakterstrukturelle Muster nicht nur in körperlich-muskulären Haltungen, sondern auch in allen anderen Lebensbereichen einer Person zeigen, sind sie ebenfalls in sozialen Zusammenhängen beobachtbar. Sowohl in Gruppen als auch in größeren sozialen Gebilden wie z.B. Teams oder Organisationen inszenieren sich charakterstrukturelle Besonderheiten, die von bestimmten Protagonisten ‚bespielt‘ werden. Die Protagonisten sind fähig, den zentralen Konflikt der Gruppe auszudrücken und die größte Vermeidung in Szene zu setzen. Dabei werden nicht nur die Ängste und Fähigkeiten der einzelnen Spieler deutlich und reflektierbar, sondern auch die der gesamten Gruppe; sie geben Hinweise auf Entwicklungspotentiale, die in Teamprozessen oder Organisationsentwicklungsprozessen genützt werden können.

Das Modell der Charakterstrukturen ist aufgrund der Differenziertheit, des verdichteten Erfahrungswissens und der breiten Einsatzmöglichkeiten trotz seiner mehr als 50-jährigen Geschichte noch hochaktuell.

DSA Klaus Angerer