Depression – das erschöpfte Selbst

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Depressionen haben in den letzten Jahren stetig zugenommen und gehören heute zu den häufigsten Erkrankungen. Neben aktuellen und genetischen Belastungen sind es vor allem frühe Beziehungserfahrungen, die zu depressiven Symptomen führen können. Die Bioenergetische Analyse kennt eine Vielzahl von Interventionen, die einen Zugang zu längst verschütteten Beziehungserfahrungen ermöglichen und sie liefert durch das ständige Einbeziehen des Körpers in den Therapieprozess eine breite Grundlage für die Begleitung depressiver Menschen.

 

Der Soziologe Alain Ehrenberg beschreibt in seinem Buch „Das erschöpfte Selbst“ einen Menschen, der durch die Vorstellung, alles sei möglich, geprägt ist.1 Entsprechend ist er in Sorge um seine Selbstverwirklichung, was sich leicht zum Gefühl der Erschöpfung steigern kann. Der Druck zur Individualisierung schlägt sich in Versagens-, Scham- bzw. Insuffizienzgefühlen und schließlich in depressiven Symptomen nieder. Des Weiteren kann davon ausgegangen werden, dass die derzeitige massive Beschleunigung der Arbeitsabläufe zur Erschöpfung beiträgt.

Neben aktuellen und genetischen Belastungen sind es vor allem frühe Beziehungserfahrungen, die im späteren Leben zu depressiven Symptomen führen.2 Ziel der Psychotherapie ist es, die Ursache einer Depression auf einer tiefen Ebene zu verstehen. Dazu werden die frühen Beziehungserfahrungen in der therapeutischen Situation wiederbelebt. Die Bioenergetische Analyse verfügt über ein breites Interventionsrepertoire, das Zugang zu längst verschütteten Beziehungserfahrungen ermöglicht. Darüber hinaus können PsychotherapeutInnen, die auch über eine bioenergetisch-analytische Ausbildung verfügen, die enge Beziehung zwischen Körper und Erleben dafür nützen, dass sie den Körper des Klienten und ihren eigenen ständig in das Übertragungsgeschehen mit einbeziehen. Sie hören auf die Signale des Körpers, die Veränderungen im Klang und Rhythmus der Stimme, sie beobachten die willkürlichen und unwillkürlichen Bewegungen und Gesten, den Muskeltonus, die Hautfärbung sowie die inneren Bewegungen des Körpers. Diese Informationen fließen ständig in den Therapieprozess mit ein, dienen als Grundlage für die Einschätzung des Übertragungsgeschehens und konstituieren die Basis für körperliche und sprachliche Interventionen.2

Depressionen können sich unterschiedlich zeigen: Freudlosigkeit, Niedergeschlagenheit, innere Leere, verminderter Antrieb, Versagensängste sowie körperliche und seelische Anspannung sind einige der häufigsten Beschwerden. Das Wahrnehmen dieser Empfindungen und Gefühle, die oft nicht bewusst sind, kann ein erster Schritt in der Behandlung der Depression sein.3 Beispielsweise wissen depressive Patienten häufig nicht, wie wütend sie sind. Aggressive Handlungen machen aber sichtbar, wie heftig die gegen sich selbst gerichtete, unbewusste Aggression sein kann. Wird Zorn und Wut als Teil des Selbst anerkannt, wird das Selbstbild realistischer, und die im verzerrten Selbstbild blockierten Ressourcen stehen wieder der Bewältigung realer Lebensaufgaben zur Verfügung.

Dr. Eva Kammerer-Pinck

 

1 Ehrenberg, Alain: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt 2004

2 Kammerer-Pinck, Eva: Das Erleben des Säuglings. In: Geißler, Peter (Hg) Psychoanalyse und Bioenergetische Analyse. Frankfurt 1994, S. 25-30

3 Lowen, Alexander: Depression. Ursachen und Wege der Heilung. München 1991