Die Rolle der Scham im therapeutischen Kontext

Der Beziehungsaffekt Scham spielt in jedem therapeutischen Setting eine unbestreitbar wesentliche Rolle für die Beziehungsgestaltung zwischen KlientIn und TherapeutIn. Im körpertherapeutischen Setting tritt durch die Unmittelbarkeit des Sehens und Gesehen-werdens das Thema Scham meist sehr rasch in den Mittelpunkt des Geschehens.1 Dieser Besonderheit wird in der Körpertherapie durch die verstärkte Arbeit an der Selbstakzeptanz Rechnung getragen.

„Bei Scham ist unser gesamtes Bewusstsein plötzlich und für einen Augenblick von unserem Selbst erfüllt. Es ist als ob etwas, das wir vor jedermann verbergen, plötzlich im vollen Licht der Öffentlichkeit steht. Gleichzeitig fühlen wir uns völlig unfähig und inkompetent“.2 Scham tritt oft dort auf, wo Menschen scheitern, sich blamieren, sich ertappt fühlen, sich als unzulänglich erleben, schmutzig fühlen oder körperliche bzw. psychische Eigenschaften aufweisen, die von ihnen als Defizit betrachtet werden.
In der bioenergetischen Analyse ist das ganzheitliche Sehen der Person ein zentraler Ansatzpunkt. Die Wahrnehmung von Körperhaltung, Körperbau, Haut, Blick, Kontaktgestaltung und Sprache sind wesentliche Diagnose- und Arbeitsinstrumente der bioenergetischen Analyse. Um das Gesehen-werden für Personen mit Schamproblematik erträglich zu machen, ist es für KörpertherapeutInnen wichtig, eine von Respekt und Würde getragene Stimmung herzustellen. Eines der wesentlichsten Therapieziele im Zusammenhang mit Schamthemen ist die Selbstakzeptanz. Die Arbeit mit dem Körper kann in diesem Zusammenhang eine große Hilfe darstellen. Eventuelle irreale Erwartungen an das Selbst können durch regelmäßige Körperarbeit mehr Realitätsbezug erhalten und dadurch die Akzeptanz eigener Schwächen und Fehler unmittelbar ermöglichen.
Da Scham nicht nur für KlientInnen eine schwer zu akzeptierende Emotion ist, liegt auf der Hand, dass auch TherapeutInnen, meist unbewusst die Wahrnehmung und Anerkennung eigener Schamgefühle umgehen, was häufig zu Kollusionen zwischen TherapeutIn und KlientIn führt. Die Begegnung mit der eigenen Scham und dem damit verbundenen Schmerz ist für KörpertherapeutInnen ebenso unumgänglich wie die Akzeptanz des eigenen Körpers mit all seinen Qualitäten und Defiziten. Nur dann wird es gelingen, die für die Arbeit mit Schamthemen so wesentliche, von Respekt getragene Stimmung im therapeutischen Setting herzustellen.

– DSA Martina Ertl
Foto: Revanche / Quelle Photocase

1 Helfaer, M. Philipp: Scham im Zusammenhang mit Sexualität und Selbstachtung. In: Handbuch für Bioenergetische Analyse, Hrsg. von Vita Heinrich-Clauer, Gießen 2007, S. 129 – 149 Psychosozial-Verlag
2 Tiedemann, Jens L.: Die Scham, das Selbst und der Andere – Psychodynamik und Therapie von Schamkonflikten. Originalausgabe Psychosozial-Verlag, Gießen 2010, S. 24