Gruppenkörper – der kommunizierende Körper

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Jeder lebende Organismus ist untrennbar mit der Welt verbunden und in der Welt ökologisch begründet. Mit unserem Körper und durch ihn drücken wir uns aus und stellen Verbindungen zwischen uns und der Umwelt her. In ihm versammeln sich unsere Aufnahme- und Handlungsmöglichkeiten.

Zugehörigkeit und Eingebundensein in soziale Bezüge sind wesentliche Voraussetzungen psychischer Gesundheit. In Gruppen zu leben und in z.T. häufig wechselnden Teams zu arbeiten, wurde zunehmend vielfältiger und fordernder. Der Anstieg depressiver Erkrankungen zeigt, dass die aktuelle Lebens- und Arbeitssituation, die ökonomisch geforderte Flexibilität und damit einhergehend die soziale Verunsicherung sowie Individualisierung in der derzeitigen Form den Einzelnen überfordert.

Ressourcen für Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit, Beziehungsfähigkeit sowie Aushandlungs- und Konfliktkompetenz werden in der Arbeit in und mit Gruppen aktiviert, erlernt und geübt. Die Gruppe ist Beziehungsnetz, System, Interaktionsfeld, Resonanzboden und Übertragungsfeld, ist Energiefeld und sozialer Modellraum.

In der Gruppe finden verbale und nonverbale Interaktionen zwischen den einzelnen Personen und deren ‚affektiven Zyklen‘ statt. Diese dialektisch verlaufenden Interaktionsprozesse kreieren auf der psychologischen Ebene die ‚Gruppenatmosphäre‘, auf der muskulären und vegetativen Ebene das ‚energetische Feld‘ und auf der muskulär-motorischen Ebene den ‚Gruppenkörper‘.

Die Erfahrung des Eingebundenseins in das soziale Umfeld stellt sich im Gruppenkörper bzw. in der Gruppenstruktur dar: im Rhythmus der Gruppe (Atmung und Bewegung), im Kontakt und Umgang miteinander (Energiefluss und Blockierung), im Umgang mit Zeit und Raum, im Umgang mit den Rahmenbedingungen, in der Bearbeitung der Bereiche Macht und Einfluss, Intimität und Zugehörigkeit  ist sie erfahrbar und erweiterbar.

Die Gruppe ist ein ‚Körper‘, der aus ihren Mitgliedern besteht. Dieser Gruppenkörper findet seine Gestalt und Substanz, wenn er in einem Rahmen gehalten wird, der das Auftauchen von emotionaler Resonanz und affektive Abstimmung erlaubt, Grundlagen des Individuationsprozesses der Gruppe. Die Gruppe als Ganzes, der Gruppenkörper, wird im Prozess der verbalen und nonverbalen Interaktionen aller Mitglieder erkundet, erforscht und entwickelt. Dadurch wird die Umsetzung in alltägliche ‚Gruppenkörper‘ ermöglicht.

Die österreichische Gesellschaft für Bioenergetische Analyse bietet seit Beginn Ihres Bestehens Arbeit in und mit Gruppen an; sie hat damit eine Vorreiterrolle innerhalb der bioenergetisch-analytischen Community inne. Aktuelle Forschungsergebnisse der Neurobiologie und Bindungstheorie bestätigen, dass Beziehungserfahrungen die Entwicklung der Strukturen des Unbewussten und die Bildung innerer Repräsentanzen maßgeblich bestimmen. Unser Gehirn ist auf die gegenseitige Regulation gemeinsamer Aktionen spezialisiert. Körperliche Signale stehen demnach in engem Zusammenhang mit emotionalen Prozessen.

Wir bieten sowohl Gruppen speziell für die Persönlichkeitsentwicklung als auch Workshops und Beratung für Personen im Arbeitsprozess an.

Maria Majce-Egger


Literatur

Majce-Egger, Maria: Group concepts – Grounding in the social environment. The European Journal of Bioenergetic Analysis and Psychotherapy, Vol.: 3, May 2006, S. 23 – 36

Thielen, Manfred (Hg.): Körper – Gruppe – Gesellschaft. Neue Entwicklungen in der Körperpsychotherapie. Psychosozial-Verlag, Gießen 2013

Tschuschke, Volker (Hg.): Gruppenpsychotherapie. Von der Indikation bis zur Leitungstechnik. Thieme Verlag, Stuttgart/New York 2010

Pesendorfer, Dominik: Zwischen Selbstformung und Fremdformatierung. Der Körper als Medium in der Beratung. In: Gsöllpointner (Hg.): Medien der Beratung. Facultas, Wien 2012

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