Rezension Ulfried Geuter (2019): „Praxis Körperpsychotherapie: 10 Prinzipien der Arbeit im therapeutischen Prozess“

Und er hat es schon wieder getan. (Und er tut es hoffentlich bald wieder). Nach seinem, 2015 erschienen, schon sehr ausführlichen und fundierten Buch „Körperpsychotherapie, Grundriss einer Theorie für die klinische Praxis“ legt Ulfried Geuter mit seinem neuesten, 2019 erschienen Werk, „Praxis Körperpsychotherapie, 10 Prinzipien der Arbeit im therapeutischen Prozess“ , ein weiteres sehr umfangreiches Buch vor und die körpertherapeutische Latte für die psychotherapeutische Community hoch.

Doch der Reihe nach: Nehme ich, als in Österreich sozialisierter Bioenergetischer Analytiker, ein neu erschienenes (körper)-psychotherapeutisches Fachbuch aus dem Regal, vom Stapel, so wendet sich mein erster Blick der Bibliografie zu und ich halte Ausschau nach drei Namen:

Sigmund Freud („Das Ich ist ein Körperliches“), Wilhelm Reich („Das Lebendige drückt sich in Bewegung aus“) und Alexander Lowen („ Der Körper lügt nicht.“). Ich tue dies deshalb, weil ich, insbesondere was die nach wie vor vorhandene Leugnung der Forschungsergebnisse Reich`s, und seiner Erb*innen, bis in die Gegenwart, betrifft, immer wieder irritiert und verärgert.

(Neueste Beispiele dazu: Gerhard Benetka, Die Psychoanalyse der Schüler um Freud; Alessandra Lemma, Der Körper spricht immer, Körperlichkeit in psychoanalytischen Therapien und jenseits der Couch; Otto Hofer-Moser, Leibtherapie.)

Nicht so bei Geuter: In der 41 (!) Seiten umfassenden Bibliografie (bei einem Buchumfang von 508 Seiten) finden sich, neben den og. Pionieren, Literaturhinweise zu bioenergetisch-analytischen Fachleuten wie, Bercelli, Boadella, Büntig, Carle, Clauer, Ehrensperger, Gudat, Heinrich-Clauer, Klopstech, Koemeda-Lutz, Sollman, um einige zu nennen. Ebenso Frank Röhricht, der sich vor kurzem in Innsbruck im Rahmen einer Tagung zu seinen neoreichianschen Wurzeln bekannt hat und sich für die Berührung in der Körperpsychotherapie und deren Beforschung ausgesprochen hat.

Überhaupt stellt die Bibliografie, aus meiner Sicht, einen wahren Schatz dar, widerspiegelt sie doch den aktuellen Wissenstand im weiten Feld der Körperpsychotherapien unter Hereinnahme der neuesten Forschungsergebnisse aus Hirn-, Säuglings-und Bindungsforschung, sowie dem Konzept der Mentalisierung.

Zum Buch selber: Der Aufbau und die Abfolge der einzelnen Kapitel erfolgt logisch. Jedem Kapitel ist eine Lesehilfe als kurze Inhaltsangabe vorangestellt, sodass sehr rasch ein Eindruck über das Kapitel vermittelt wird.

Die Absicht des Autors eine „Systematik der Vielfalt ihrer realen Praxis“ (S.2) (der unterschiedlichen Körperpsychotherapieschulen: KBT,Focusing, Bioenergetische Analyse (BA)…..Anm.J.N.) darzustellen geht auf. Er beschreibt und definiert 10 Prinzipien „denen wir in der körperpsychotherapeutischen Praxis je nach therapeutischer Aufgabe und Absicht mit einer Fülle an methodischen Möglichkeiten folgen können.“ Aus meiner Sicht gelingt auch der Versuch „ innerhalb dieses Gerüsts dieser Prinzipien das reiche Erbe der Schulen in eine übergreifende Konzeption der Praxis zu integrieren.“

Ich finde die beschriebenen Prinzipien für alle körperpsychotherapeutischen Schulen gültig, idealtypisch könnte man sie im Prozessverlauf auf eine gelungene Therapiestunde herunterbrechen. Jedes beschriebene Prinzip wird ausführlich beschrieben und durch eine Vielzahl von Therapiebeispielen lebendig zugänglich gemacht. Eine Aufzählung der Prinzipien erfolgt schon in anderen Rezensionen.

Geuter’s Körperpsychotherapie ist „kreative Kunst“ (S.4), erlernbar durch Selbsterfahrung und Reflexion der eigenen Arbeit, sprich Supervision. ( An dieser Stelle mein größter Respekt, dass er nicht davor zurückscheut über seinen „größten therapeutischen Fehler“ zu scheiben, S.278). Er versteht sie als prozessorientierten Ansatz, der sich danach richtet „wie man den therapeutischen Prozess so gestalten kann, dass der Patient in ihm neue emotionale Erfahrungen gewinnen kann, die seine Probleme und Leidenszustände und die ihnen zugrundeliegenden dysfunktionalen Muster des Erlebens und Verhaltens zu verändern helfen.“ (S.4). Sein Menschenbild ist das „eines ganzheitlich erlebenden und handelnden Subjekts“ (S.5), basierend auf einem humanistischen Weltbild (S.7).

Für sein Verständnis von Körperpsychotherapie bedeutet dies „sie relational als „eine Begegnung zweier lebendiger verkörperter Subjekte“ zu verstehen.(S.8)

Vom Standpunkt der Bioenergetischen Analyse (BA) möchte ich 2 Aspekte herausgreifen:

Die Kritik des Autors, dass das Modell der Charakterstrukturen für Menschen, „die den Körper als unwirklich erleben oder in ihrem Erleben von ihm getrennt sind“ zu kurz greift (S.363f) ist berechtigt. Ebenso, „dass die Behandlung von strukturschwachen und Borderline-Patienten die Notwendigkeit einer modulierenden Arbeit an den Affekten mit einer „Veränderung auf einer proceduralen Ebene als allgemein anerkannt gelten.“

Das Kapitel 12, Berühren und Halten spricht mir aus der bioenergetisch-analytischen Seele.

Sie ist „dialogisches Geschehen” (S.250), „intentionales Handeln“, „nicht per se heilsam“ (S.251),

„braucht methodische Klarheit, wozu, wie, wo und wie lange“ (s.251), „ist psychotherapeutisches Berühren ein bezogenes Berühren des erlebten Körpers.“( S.251) Aufseiten des Therapeuten sollte es aus eigenem Berührtsein gespeist und von eigener Mitbewegung getragen sein.“ (S.251)

Sie ist „kein notwendiges Prinzip“ (S.251). „ Berührung ist an sich weder hilfreich noch ungefährlich. Sie kann passend oder unpassend, heilsam oder unheilsam sein, genauso wie Worte, abhängig von ihrer. Intention und ihrem Kontext.“ (S.253). „Berührung bedarf wie jedes therapeutische Experiment einer Anfrage“ (S.255), „benötigt ausreichend Selbsterfahrung von Seiten des Therapeuten“ (S.281) und „muss dem Patienten dienen, und nicht dem Therapeuten.“(S.282). Wie erfrischend einfach und klar sind diese Aussagen!

Das Buch bietet einen großen Fundus an Wissen und Ideen, regt zum Nachdenken und Hinfühlen über eigenes körpertherapeutisches Handeln an und wird für mich zu jener Lektüre gehören, die ich immer wieder gerne zur Hand nehmen werde.

Joachim Nagele