Weil Berührung berührt

beruehrung

„Das Bedürfnis nach Körperkontakt und Berührung ist vermutlich das grundlegendste und ureigenste Verlangen des Menschen und führt bei Nicht-Befriedigung zu schweren Störungen“ (Spitz 1955, Nathan 1999, Montagu 1971, Leboyer 1975, bei Stotter 2008, S. 2).
Das Verhältnis zwischen Körper und Seele und damit die Frage nach der Einbeziehung des Körpers und seiner Berührung begleitet die Entwicklung der Psychotherapie und der Bioenergetischen Analyse seit ihren Anfängen.

Die naturwissenschaftliche Tradition der Descartschen Leib-Seele-Trennung prägt bis heute die Einstellung zur Berührung und rückte PsychotherapeutInnen, die sich diesem Paradigma („der Mensch als geistig denkendes Ich, der einen Körper als Objekt hat, über den das Ich verfügen kann“, Di Leo, S. 5) nicht beugen, in die Nähe von Unwissenschaftlichkeit respektive Esoterik. Heilend berührt wird entweder der Körper durch ÄrztInnen und PysiotherapeutInnen oder die Seele durch Psychotherapie. Lediglich asiatische Heiltraditionen schaffen hier eine Verbindung.
Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, ging in seinen Anfängen u.a. auch von einem körperlichen Zugang zu seelischen Vorgängen aus; er meinte, dass das Ich ein körperliches sei, und er legte KlientInnen z.B. die Hand auf die Stirn, um in ihnen Erinnerungen wachzurufen (Freud bei Krutzenbichler S. 112). Hier sei auch erwähnt, dass er Analysen im Gehen durchführte.

Das den ersten Psychoanalysen folgende Erschrecken über die Auswirkungen großer psychischer und körperlicher Nähe auf das Übertragungs- und Gegenübertragungsgeschehen und damit einhergehenden Missbrauchshandlungen seitens einiger Analytiker führte zu einem strengen Abstinenzgebot (also auch Berührungsverbot) und der Verbannung des Körpers aus der Psychotherapie.

Wilhelm Reichs radikale Infragestellung des Abstinenzparadigmas führte zum Bruch mit Freud; Reichs „direktes Angreifen der Spannung der Charakterpanzerung“ als chronische physiologische Erstarrung (Mc Neely, S. 47) stellt wohl eine der wesentlichen Weichenstellungen der Entwicklungsgeschichte der Berührung in der Psychotherapie und der modernen Körperpsychotherapie dar (vgl. Mc Neely, S. 63).

In Folge haben sich Alexander Lowen, Reichs Schüler und Begründer der Bioenergetischen Analyse, und viele andere KörperpsychotherapeutInnen um eine Rehabilitierung und Wiedereinführung der Berührung in die Psychotherapie bemüht.
Die Beschäftigung mit den Möglichkeiten und Grenzen therapeutischer Berührungen und Versuche ihrer Entmystifizierung sind heute immer noch aktuell.

Die Haut das Organ der Berührung

Der französische Sozialwissenschaftler und Psychoanalytiker Didier Anzieu (Grand, Handbuch der Körperpsychotherapie S. 224) hebt den Zusammenhang zwischen den Bereichen Gehirn und Berührung hervor, indem er darauf hinweist, dass sich Haut und Nervensystem embryonal aus demselben Keimblatt, dem Ektoderm, entwickeln: „Dabei entsteht das Zentralnervensystem als innerer Teil der Oberflächenstruktur bzw. Haut des Embryos. Man könnte somit die Haut als exponierten Teil des Nervensystems oder als externes Nervensystem betrachten“ (Montagu 1995, bei Stotter S. 7).
Anzieu nennt dieses aus der taktilen Erfahrung der Hautoberfläche abgeleitete und seelisch ausgearbeitete Selbstbild „Haut-Ich“ und hält es für das früheste Erbe berührender Erfahrung (Anzieu in Küchenhoff S. 146 ff). Ohne Haut ist der Mensch nicht überlebensfähig. Die Informationen, die die Haut über die riesige Anzahl sensorischer Wahrnehmungsorgane (Hautrezeptoren und aufsteigende sensorische Nervenbahnen für feine Berührung, Schmerz und Temperatur) an das Gehirn weiterleitet, sind deshalb für die Gehirnentwicklung von größter Bedeutung. Ohne taktile Erfahrungen und damit Berührung ist menschliche Entwicklung nicht denkbar.

Neue Erkenntnisse aus angrenzenden Wissenschaftsbereichen

In den letzten Jahren haben viele Ergebnisse der Säuglings- und Bindungsforschung das Verständnis psychischer Entwicklung revolutioniert, wesentliche tiefenpsychologische Grundannahmen wurden bestätigt oder auch in Frage gestellt, sicher aber anders erfahrbar gemacht.
Alte Grundannahmen der Körperpsychotherapie im Allgemeinen und der Bioenergetischen Analyse im Besonderen lassen sich auf diese Weisewissenschaftlich bestätigen bzw. lässt sich daraus ein verändertes Verständnis der Wirkung von Berührung ableiten.

Wesentlich für unsere Fragestellung sind die neuen Erkenntnisse über die Entwicklung des psychischen Apparats, des (Körper)Gedächtnisses, von Verdrängung und Unbewusstheit und über die Entwicklung von Beziehungsfähigkeit.

Berührung in der Bioenergetischen Analyse (BA)

Die BA mit ihrem genuinen Wissen um die Vielzahl körpersprachlicher Ausdrucksformen, Handlungsdialoge, unbewusste körperliche Mikropraktiken und körperliche Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene, kann wesentlich zu einem differenzierteren Verständnis therapeutischer Vorgänge beitragen. Mit ihrer Bereitschaft zur prozess- und beziehungsadäquaten Berührung, auch im ganz-körperlichen Sinn, werden der/m Klientin/en basale Erfahrungen, auch jenseits des sprachlich Erinnerbaren, zugänglich.
Mit den in ihrem Körper gespeicherten Entwicklungs- und Erfahrungsebenen

  • Körperliche, bis hin zur vorgeburtlichen Entwicklung
  • Psychische Entwicklung (geformt und geprägt durch die Vielschichtigkeit der Beziehung zu den frühen Bezugspersonen und deren Körperlichkeit)
  • Soziale Ausformungen (im Sinne der gesellschaftlichen Prägung durch Erlaubnis und Verbot in Bezug auf körperlichen Ausdruck und Berührung),

kommen Menschen in die bioenergetisch-analytische Therapie, treffen hier auf weitere Dimensionen: auf die Körperlichkeit der /des Therapeutin/en, die Möglichkeiten des Ausdrucks und der Entwicklung all dieser Ausgangsbedingungen in der therapeutischen Beziehung, als Begegnungs-, Berührungs- und Entwicklungsraum.

Jede Kommunikation ist Ausdruck von Beziehung, ist ohne Körper nicht vorstellbar und somit berührend. Selbst Sprechen ist ohne Atmung, ohne Brustkorb als Resonanzkörper, ohne Bewegung des Gesichts nicht möglich. Blickkontakte, Hin- und Wegbewegungen, wahrnehmbare (kommunizierte) Körperspannung von PatientIn und TherapeutIn, Weinen und Lachen sind körperliche Phänomene und Teil jeder psychotherapeutischen Begegnung.

Wir verstehen die BA als Kommunikation zwischen Körpern, wobei die Psyche als Teil des Körpers angesehen wird. Der/die Klient/in wiederholt/reinszeniert/überträgt in der therapeutischen Beziehung unbewusst ihre/seine Berührungs- und Beziehungsgeschichten (charakterstrukturelle Muster). Die deutende Bewusstmachung seitens des/r Bioenergetischen Analytikers/in macht diese Muster auch körperlich erlebbar. Durch Probehandeln im geschützten therapeutischen Rahmen erweitern sich die persönlichen Beziehungs- und Kontaktmöglichkeiten.

Fazit

Es gilt, nicht nur die Seele als Ort der Verdrängung zu berühren, sondern auch den Körper. Hier erschließt sich uns die schon im letzten Jahrhundert von Wilhelm Reich formulierte Theorie der funktionalen Identität, i.S. eines gleichzeitig seelisch und körperlich wirksamen Verdrängungsmechanismus (vgl. Büntig, S. 41ff).
Die in der Bioenergetischen Analyse beschriebenen Charakterstrukturen entstehen aus spezifischen Berührungserfahrungen und sind als Ichfunktionen immer im Körpererleben, im Haut-Ich, gegründet. Sie entstehen im (Körper-)Kontakt mit und durch die jeweiligen Hautoberflächen bzw. Grenzflächen. Charakterstrukturelle Einschränkungen sind nicht Störungen per se, sondern werden verstanden als spezifische Möglichkeiten der Beziehungsaufnahme und -gestaltung auf dem Hintergrund gelungener und/oder misslungener, i.S. mangelhafter Kontaktangebote seitens früher Bezugspersonen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit von Berührung als therapeutisch heilendem Agens: Wenn (Charakter-)Struktur durch spezifische Berührungserfahrungen entsteht, dann ist eine Veränderung der Struktur ohne Berührung innerhalb der Therapie nicht vorstellbar.

Somit ergeben sich für die bioenergetisch-analytische, berührende Arbeit folgende Beweggründe:

Sie dient der Verminderung des Anteils der einschränkenden, charakterstrukturellen Beziehungsmuster im therapeutischen Raum, um für Klient und Klientin erweiternde, heilsame, lindernde (Beziehungs-) Erfahrungen erlebbar und integrierbar zu machen, indem die Körperebene bzw. das Körpererleben bewusst fokussiert werden.

Berührungsinterventionen lassen die/den Klientin/en Mitgefühl und Nachvollzug durch die/den Therapeutin/en erleben und ‚‘grounden‘ / ‚erden‘ den Klienten im gegenwärtigen Körper- und Selbsterleben. Sie sind Kontaktmittel für nichtsexualisierte Beziehungserfahrungen und drücken Akzeptanz aus.

Bioenergetisch-analytisches Arbeiten heißt, sich bewusst zu sein, dass Körpersprache immer stattfindet, analog zu Watzlawicks Formulierung „man kann nicht nicht kommunizieren“. Die körpersprachlichen Mitteilungen von Klient und Therapeut werden von Therapeut und Therapeutin im Rahmen der gleichschwebenden Aufmerksamkeit, entsprechend dem aktuellen Stand der therapeutischen Beziehung, in den therapeutischen Prozess hereingenommen. Berührt wird auf Basis wertschätzender Akzeptanz und Offenheit.

Es gibt eine große Zahl von möglichen Herangehensweisen, hier nur eine kleine Auswahl: haltende und Halt gebende Berührung, mit den Händen ziehen, wegziehen, wiegen und schaukeln, beruhigen, stärken, auf den Rücken nehmen (Huckepack), entlasten, dagegen drücken, Kräfte messen, gestützt werden (Kopf, Rücken, Beine), wegstoßen, Schutz geben, Rücken an Rücken sitzen, Nähe-Distanz-Übungen, Experimente zum beidseitigen Gleichgewicht, Eigenständigkeit/Abhängigkeit spüren, berühren und sich wieder lösen, wieder getrennt sein.

DSA Christine Pechtl, DSA Joachim Nagele

Literatur

Büntig, Wolf: Das Werk Wilhelm Reichs. In: Gustl Marlock, Halko Weiss (Hg.): Handbuch der Körperpsychotherapie. Stuttgart 2007, S. 41ff.

Di Leo, Marina: Leib oder Körper in der körperorientierten Psychotherapie? Das Leib-Seele-Problem in der körperorientierten Psychotherapie: Eine qualitative Untersuchung zum Menschenbild in der bioenergetischen Analyse. Saarbrücken, 2009, S. 5.

Freud, Sigmund: Über „wilde“ Psychoanalyse. GW VIII, S.117-125: In: Sebastian H. Krutzenbichler, Hans Essers (Hg.): Muss denn Liebe Sünde sein? Zur Psychoanalyse der Übertragungs- und Gegenübertragungsliebe. Gießen 2002, S.112.

Grand, Jan J.: Das verkörperte Unbewusste. In: Gustl Marlock, Halko Weiss (Hg.): Handbuch der Körperpsychotherapie. Stuttgart 2007, S. 221ff.

Küchenhoff, Joachim: Körper und Sprache. Theoretische und Klinische Beiträge zu einem intersubjektiven Verständnis des Körpererlebens. Gießen 2012.

Marlock, Gustl: Körperpsychotherapie – Eine Traditionslinie der modernen Tiefenpsychologie. In: Gustl Marlock, Halko Weiss (Hg.): Handbuch der Körperpsychotherapie: Stuttgart 2007, S. 61–75.

McNeely, Deldon Anne: Berührung. Die Geschichte des Körpers in der Psychotherapie. München 1992.

Stotter, Andreas: Achtsame Berührungstherapie bei Menschen mit Depression. Vorstellung einer laufenden experimentellen kontrollierten klinischen Studie. Thesis zur Erlangung des Master of Science. Universitäres Kolleg Schloss Seggau, Juni 2008.

Weiterführende Literatur

Anzieu, Didier: Das Haut-Ich. Frankfurt a. Main 1996.

Busch, Thomas: Therapeutisches Berühren als reifungsfördernde Intervention. In: Gustl Marlock, Halko Weiss (Hg.): Handbuch der Körperpsychotherapie. Stuttgart 2007, S. 517–529.

Carle, Lucas: Das Beziehungsgeschehen in der Psychotherapie. In: Margit Koemeda-Lutz (Hg.): Körperpsychotherapie-Bioenergetische Konzepte im Wandel. Basel 2002, S. 88–116.

Geuter, Ulfried: Geschichte der Körperpsychotherapie. In: Gustl Marlock, Halko Weiss (Hg.): Handbuch der Körperpsychotherapie. Stuttgart 2007, S. 17–32.

Kloppstech, Angela: Modelle therapeutischen Handelns. Der psychoanalytische und der bioenergetische Weg. In: Margit Koemeda-Lutz (Hg.): Körperpsychotherapie-Bioenergetische Konzepte im Wandel. Basel 2002, S. 61–74.

Pechtl, Waldefried: Zwischen Organismus und Organisation. St. Pölten 2001 (4. Auflage).

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